Rückendeckung aus Mainz

Rückendeckung aus Mainz für Variante „pink“
Rhein-Hunsrück-Zeitung, Freitag, 5. Januar 2018

Der Regierungsbeauftragte für das Welterbe in Rheinland-Pfalz sieht in der Umfahrung einzig verträgliche Lösung

Von Denise Bergfeld

Mittelrhein. Die Deutsche Bahn und das Bundesverkehrsministerium haben erneut Post erhalten, in der es um den geplanten Neubau eines Bahntunnels am Mittelrhein geht. In einem neunseitigen Schreiben setzt sich jetzt auch der Regierungsbeauftragte für das Welterbe in Rheinland-Pfalz, Salvatore Barbaro, für die pinke Tunnelvariante ein.
Bei „pink“ handelt es sich um eine von sechs möglichen Tunnellösungen: ein rund sieben Kilometer langer und komplett unterirdischen Umgehungstunnel, mit dem die Bahn die Städte St. Goar und Oberwesel umfahren würde. Die lärmgeplagten Bewohner am Mittelrhein befürworten natürlich diese Variante.

Auch die Deutsche Bahn AG zieht in Betracht, einen neuen Tunnel zwischen den beiden Städten zu bauen, weil die 150 Jahre alten Bestandstunnel am Bank-, Bett- und Kammereck auf lange Sicht ersetzt werden müssen. Doch die Bahn hatte in der Vergangenheit bereits verkündet, die preiswertere Variante „rot“ zu bevorzugen. Das bedeutet: eine Sanierung der kurzen historischen Tunnel plus einem Bau neuer paralleler Röhren.

Der Bürgermeister der Verbandsgemeinde St. Goar-Oberwesel, Thomas Bungert, hatte auf diese Nachricht hin die Unesco in Paris und die Landesregierung angeschrieben mit der Bitte, Druck auf die Bahn zu auszuüben und sich für die pinke Tunnelvariante einzusetzen. Auf eine Antwort aus Paris wird am Rhein noch gewartet.

Der Regierungsbeauftragte für das Welterbe hingegen findet in seinem aktuellen Schreiben an Richard Lutz, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn, und Staatssekretär Rainer Bomba vom Bundesverkehrsministerium deutliche Worte: „Eine Beurteilung der unterschiedlichen Planungsvarianten unter denkmalpflegerischen und Welterbegesichtspunkten hat ergeben, dass ausschließlich die Planungsvariante ,pink‘ als welterbeverträgliche Lösung akzeptiert werden kann“, schreibt er an Lutz. Zu diesem Ergebnis sei auch der Icomos-Vizepräsident Christoph Machat gekommen.

Abbruch eines Teils der Stadtmauer würde nicht genehmigt

Der Regierungsbeauftragte bezieht zu den Tunnelvarianten mit den vorgesehenen Ein- und Ausfahrten Stellung. Zu den nördlichen Ein- und Ausfahrten der Varianten „rot“, „grün“ und „blau“ schreibt er, sie könnten aus denkmalschutzrechtlichen Aspekten sowie unter Welterbegesichtspunkten nicht akzeptiert werden, da diese Varianten nicht ohne die Vernichtung wertvoller Denkmalsubstanz auskommen. „Für die Errichtung der neuen Tunnelportale im Norden wäre auf Höhe des Bahnhofs St. Goar der Abbruch eines Teils der Stadtmauer einschließlich eines Stadtmauerturms erforderlich“, so Barbaro. Er betont, dass schon allein aufgrund des Denkmalwerts eine Genehmigung nicht möglich wäre.

Zu den nördlichen Ein- und Ausfahrten der Varianten „gelb“, „orange“ und „pink“ heißt es, dass zwar eine erhebliche Beeinträchtigung der Burg Rheinfels und des Burgbergs zu erwarten wäre. Dennoch sei dieser Variante der Vorzug zu geben, da nicht unmittelbar Denkmalsubstanz zerstört würde.

Zu den südlichen Varianten der Ein- und Ausfahrten schreibt Barbaro an das Verkehrsministerium, dass alle Varianten außer der pinken das Landschaftsbild beeinträchtigen würden. „Bei den Südportalen der Varianten ,gelb‘ und ,grün 2′ und der etwas weiter nördlich liegenden Varianten ,orange‘ und ,grün 1′ wäre mit der Schaffung eines neuen Tunnelportals mit flankierenden Stützwänden der am nördlichen Stadtausgang von Oberwesel gelegene Oelsberg betroffen“, heißt es.

Neues Tunnelportal würde Landschaftsbild massiv stören

„Aus südlicher Blickrichtung wäre im Norden ein neues, groß dimensioniertes Tunnelportal mit Rettungsplätzen als Ingenieurbauwerk am Beginn der Rheinbiegung als deutlich störend im Zusammenhang mit dem Stadtbild wahrnehmbar“, schreibt Barbaro und betont: „Der Bau eines solchen Tunnelportales würde das Landschaftsbild und die Landschaftsästhetik – nicht nur beim Blick von der Schönburg aus – massiv stören und hätte damit direkten negativen Einfluss auf den universellen Wert und die visuelle Integrität der Welterbestätte.“ Von der südlichen Ein- und Ausfahrt der pinken Variante mit einem neuen Haltepunkt im Gewerbegebiet wäre die Stadtansicht hingegen nicht nachteilig beeinträchtigt, urteilt der Welterbebeauftragte der Landesregierung.
Mit Blick auf den Bahnlärm betont er außerdem, dass das Unesco-Welterbekomitee die Bundesrepublik und die betreffenden Behörden aufgefordert hat, ihre Infrastrukturprogramme zu nutzen, um den Bahnlärm zu senken.
„Während bei den Varianten ,rot‘ ,grün 1 und 2′ sowie ,blau‘ nicht mit einer nennenswerten Lärmentlastung zu rechnen ist und bei den Varianten ,gelb‘ und ,orange‘ in erster Linie St. Goar und St. Goarshausen vom Bahnlärm entlastet würden, würde die Rheinstrecke bei der Variante ,pink‘ auf einer Strecke von über neun Kilometern – also mehr als 13 Prozent des gesamten Welterbegebiets – vom linksrheinischen Bahnlärm entlastet. Hiervon betroffen wären neben den Gemeinden St. Goar, Oberwesel und St. Goarshausen im Tal auch die Höhengemeinden Patersberg, Urbar, Bornich, Heide, und Dörscheid sowie große Teile der Premiumwanderwege Rheinsteig und Rheinburgenweg. Insoweit ist auch unter dem Gesichtspunkt Bahnlärm die Tunnelplanvariante ,pink‘ als welterbeverträglichste Lösung zu betrachten.“

Aktuell erstellt die Deutsche Bahn eine Kosten-Nutzen-Analyse der verschiedenen Tunnelvarianten, auf deren Ergebnis eine Entscheidung getroffen werden soll. „Ich bin glücklich, dass der Staatssekretär unserer dringenden Bitte nachgekommen und auf den ,Protestzug‘ aufgesprungen ist“, betont VG-Bürgermeister Bungert.

Hoffen darauf, dass die Bahn ein Einsehen hat

Die Deutsche Bahn AG könne die vorgetragenen Argumente nicht einfach beiseiteschieben und das Unesco-Welterbe aufs Spiel setzen. „Nun hoffen die St.Goar-Oberweseler auf ein Einsehen der Bahn, zumal es derzeit nicht danach aussieht, als würde die Alternativtrasse zur heutigen Güterzugstrecke am Mittelrhein ,in den vordringlichen Bedarf‘ des Bundeswegeplanes 2030 aufgenommen werden“, heißt es dazu in einer Mitteilung der VG-Verwaltung.

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